Reportage aus dem Jura … mitten aus einer ziehenden Schafherde mit 380 Schafen und der Hirtin Fabienne Keller, biodynamische Studentin der Klasse L

Original-Artikel: transhumance artikel
deutsch:
“Yoshi, geh nach links … Geh nach hinten, schnapp sie dir …” Fabienne Keller, 25 Jahre alt, ist stimmgewaltig und fordert ihren Hund auf, die Herde zurückzubringen. Ihre Befehle verbreiten sich weit über das Feld hinaus, auf dem ihre Schafe grasen, und prallen an den nebligen Tälern dieses Februarmorgens ab. “Heute machen sie, was sie wollen. Sie hören auf nichts. Es ist wirklich kein Tag, um Hirte zu sein”, seufzt sie.
Ausgebildet in biologisch-dynamischer Landwirtschaft in Rheinau (ZH), erlebt sie ihre erste Wintertranshumanz. Seit dreieinhalb Monaten ist die junge Frau mit ihren 380 Schafen, zwei Eseln und drei Hunden im Jura unterwegs. Eine lange Reise durch die verschneiten Landschaften des Kantons, die sie mit einem anderen Hirten, Daniel Marti, 48 Jahre alt, unternimmt. “Ich bin diese Woche allein”, warnt sie. “Er ist für ein paar Tage weg, also bin ich allein für die Herde verantwortlich”, sagt sie ein wenig ängstlich. Ihre Schafe haben sich endlich versammelt, eine kompakte weisse, schwarze und braune Prozession, bereit zum Aufbruch.
Seit zwei Tagen lebt Fabienne auf den Höhen der Gemeinde Develier, in einer Höhe von 550 Metern. Es ist Zeit für sie, neue Weiden zu finden. “Hier gibt es kein Gras mehr. Es ist besser, sich zu bewegen. Also werde ich die Führung der Herde übernehmen.” Sie fährt fort und gibt uns diesen Rat: “Normalerweise folgen mir die Tiere, aber falls sie nicht gehorchen, könnten ihr sie anhalten und diejenigen, die von der Strasse abkommen, zur Ordnung rufen?”

Label «Biolamm»

Von November bis Mitte März schlagen der Jura und die französischsprachige Schweiz im Rhythmus der Wintertranshumanz. Dreissig Herden mit zwischen 100 und 1200 Tieren ziehen derzeit kreuz und quer durch das Land. Diese pastorale Praxis ist uralt: Einige Bauern vertrauen ihre Herden aus Futtermangel oder aus biologischer Überzeugung jeden Winter den Hirten an, die sie im Freien mästen sollen.
Claudia Raimann-Choffat ist Landwirtin in Soubey, am Ufer des Doubs. Sie ist diejenige, die Fabienne und Daniel eingestellt hat, nach einer Anzeige, die letzten Sommer in der Zeitung veröffentlicht wurde. “Ich hatte geschrieben: “Ich suche einen erfahrenen Hirten oder eine mutige Person.” Es gehört schon Mut dazu, vier Monate lang mit einer Herde unterwegs zu sein”, lächelt sie. Als Biobäuerin im Schafstall Froidevaux besteht sie darauf, dass ihre Mutterschafe und Lämmer das ganze Jahr über draussen grasen, entweder auf Gemeinschaftsweiden oder auf privaten Feldern. Auch ihre Fleischproduktion trägt das Label “Bio-Lamm”. Das ist eine Anerkennung für die Frau, die ihre Herden schon immer im Winter grasen liess: “Selbst bei schneebedeckten oder steilen Feldern können die Schafe das Gras fressen. Sie sind draussen besser aufgehoben als im Schafstall. In der Schweiz habe ich Bauernhöfe gesehen, wo sie nie den Himmel sehen”, klagt sie.
Es ist 10:10 Uhr. Die Herde hat nun die Strasse verlassen, um sich auf einen mit Schnee, Eis und Schlamm bedeckten Weg zu wagen. Kein Blöken ist zu hören, die Tiere bewegen sich in einem guten Tempo, diszipliniert. Je tiefer wir in den Wald eindringen, desto schmaler wird der Weg und die Prozession zieht sich über hundert Meter hin. Manchmal weichen einige von ihnen auch aus, angelockt von einem Grasbüschel oder einem Eichelbett. Aber Yoshi weiß, wie er sie wieder auf Linie bringen kann. “Kidou, kidou, kidou!”, ruft Fabienne, als sie die Herde einsammelt, die am Strassenrand stehen geblieben ist. “Ich habe die Polizei gewarnt. Sie muss kommen, um uns bei der Überquerung zu helfen.”
Die Weide, auf der die Herde die Nacht verbringen wird, ist in Sicht. In anderthalb Stunden werden wir etwas mehr als 3,5 Kilometer zurückgelegt und 720 Höhenmeter erklommen haben. Der Halt ist willkommen für die Tiere, die in diesem zwanzig Hektar grossen Feld etwas finden, um sich zu sättigen.
“Die Transhumanz wird ein paar Monate im Voraus vorbereitet”, unterstreicht Fabienne. Man muss die Route organisieren, die richtigen Wiesen finden, auf denen es das beste Gras gibt, die Gemeinden um eine Durchgangsgenehmigung bitten und sich mit den Bauern treffen, um sie um das Recht zu bitten, auf ihren Feldern zu grasen. Viele stimmen zu, aber einige weigern sich aus Angst, dass ihr Land degradiert wird.”

Die Supergrippe vergessen

Die Nacht bricht an. Fabienne muss fast 200 Meter Zaun aufstellen, um ihre Herde zu parken. Sie wird dann zum Schlafen in einen Holzanhänger gehen. Gezogen von einem Traktor, hat er weder Wasser noch Strom. Kerzen und ein Holzofen tun’s auch. Ich folge der Tradition”, sagt sie. Es gibt nichts Modernes an dieser Praxis, aber ich brauche nicht viel. Wir begnügen uns mit dem Notwendigen und vergessen das Überflüssige.” Ein Nomadenleben, fast abgeschnitten von der sesshaften Welt, wo die einzigen Begegnungen die mit Bauern sind, die sie zum Essen oder zum Duschen einladen. “Ich bin sozusagen mit meiner Herde verheiratet”, fährt sie fort. Ich kümmere mich um sie. Ich liebe diese Beziehung und diesen Lebensrhythmus mit der Natur, aus der ich meine ganze Energie schöpfe”, fährt sie fort.
Es ist Zeit zu gehen. In Richtung Westen des Kantons. Der Schafstall von Froidevaux ist nur etwa dreissig Kilometer entfernt. Bis zum Erreichen des Ziels sind es noch etwa zehn Tage. Insgesamt”, sagt sie, “werden wir in vier Monaten mehr als 120 Kilometer zurückgelegt haben. Es ist nicht viel, aber die Hauptsache für unsere Tiere ist nicht, sich schnell zu bewegen, sondern zu fressen.” Die Wintersonne hat die letzten Schneeflecken geschmolzen. Die Wiesen sind grün. Fabienne hat nie aufgehört, mit ihrer Stimme ihre Herde zusammenzuhalten.
Daniel Marti, der die Wanderschäferei mit Fabienne Keller auf den Jurawegen macht, hat eine spezielle Ausbildung absolviert, um die Herden zu hüten. Sie nennt sich Swiss Shepherdess Training und wird in französischer Sprache an der Walliser Landwirtschaftsschule in Châteauneuf angeboten. Sie besteht aus vier theoretischen Modulen, darunter Kurse über die Arbeit auf den Alpen, die Tierpflege, die verschiedenen Weidearten und ihr Management sowie über Herdenschutzhunde. Begleitet wird sie von praktischen Schulungen, darunter eine im Schafstall während des Ablammens und eine im Sommer auf einer Alp während mindestens zwei Monaten. Insgesamt gibt es in der Schweiz rund 250 Hirten.